Agatha Christie ist vor allem für ihre Kriminalromane bekannt. Doch die berühmte Autorin beschäftigte sich auch intensiv mit der Geschichte des alten Ägypten. 1937 schrieb sie ein historisches Theaterstück über den Pharao Echnaton, seine Frau Nofretete und die religiösen Umbrüche der Amarna-Zeit: Akhnaton: A Play in Three Acts. Veröffentlicht wurde das Drama allerdings erst 1973.


Für das Stück griff Christie auf eine erstaunliche Bandbreite altägyptischer Quellen zurück. Sie verarbeitete religiöse Hymnen, königliche Inschriften und diplomatische Korrespondenz ebenso wie Reliefs, Wandmalereien und berühmte Kunstwerke. Dabei zeigt sich, wie intensiv sie sich mit dem historischen Material auseinandersetzte – und wie frei sie es zugleich für ihre eigene Erzählung nutzte.
Von der Nilreise auf die Theaterbühne
Christies Interesse an der ägyptischen Geschichte war eng mit ihren Reisen verbunden. Während einer Nilreise lernte sie in Luxor Howard Carter kennen, den Archäologen, der 1922 das Grab Tutanchamuns entdeckt hatte. Carter machte sie mit der Geschichte Echnatons vertraut. Der Pharao hatte im 14. Jahrhundert v. Chr. den Gott Aton in den Mittelpunkt seiner religiösen Vorstellungen gestellt und eine neue Residenz errichten lassen: Achet-Aton, das heutige Amarna.
Die Geschichte dieses Königs bot Stoff für ein Drama: religiöse Konflikte, politische Machtkämpfe und eine Herrscherfamilie, deren Entscheidungen weitreichende Folgen hatten. Christie machte daraus ein Theaterstück in drei Akten.
Bei der Arbeit unterstützte sie der Ägyptologe Stephen Glanville. Er half ihr nicht nur bei der Recherche, sondern auch bei der Ausarbeitung des Stücks. Christies Interesse an historischen Quellen war dabei mehr als eine atmosphärische Zutat: Sie wollte die Welt, in der ihre Figuren lebten, mit konkreten Texten und Bildwerken gestalten.
Ein Theaterstück aus altägyptischen Originalquellen
Für Akhnaton zog Christie eine Vielzahl altägyptischer Texte heran. Dazu gehörte der Große Sonnengesang an den Aton, einer der bekanntesten religiösen Texte aus der Amarna-Zeit. Christie orientierte sich dabei an der englischen Übersetzung des Ägyptologen James Henry Breasted.

Daneben nutzte sie weitere religiöse und königliche Inschriften, darunter Hymnen aus Gräbern, die Grenzstelen der neuen Hauptstadt Achet-Aton sowie Texte aus der Zeit anderer Pharaonen. Auch die diplomatische Korrespondenz aus dem Amarna-Archiv floss in ihre Arbeit ein. Diese in Keilschrift verfassten Briefe dokumentieren die Beziehungen Ägyptens zu anderen Herrschern und politischen Mächten des östlichen Mittelmeerraums und Vorderasiens.
Weitere Vorlagen waren unter anderem die Stele Amenophis’ II. aus Amada, ein Orakel des Amun aus der Zeit Thutmosis’ III., der sogenannte Haremhab-Erlass und das Denkmal Memphitischer Theologie. Auch der Spruch 1130 der altägyptischen Sargtexte, der häufig als „Apologie des Schöpfergottes“ bezeichnet wird, gehörte zu den Quellen, mit denen sich Christie auseinandersetzte.
Die Texte erfüllten dabei unterschiedliche Funktionen. Manche Passagen übernahm Christie sehr nah an den historischen Vorlagen. Andere Inhalte ließ sie ihre Figuren aussprechen und machte sie damit zu Bestandteilen des dramatischen Dialogs. So griff sie beispielsweise auf Motive und Informationen aus den Amarna-Briefen zurück, um die politische Situation zu schildern, mit der Horemheb konfrontiert ist.
Das ist ein wichtiger Unterschied: Christie verwendete die Quellen nicht einfach als historische Belege in einem Sachtext. Sie machte aus ihnen Theater. Historische Aussagen, religiöse Vorstellungen und politische Konflikte wurden zu Sprache, Handlung und Figurenzeichnung.
Wenn archäologische Objekte zu literarischen Vorlagen werden
Nicht nur schriftliche Quellen inspirierten Christie. Auch archäologische Funde und Darstellungen aus der Amarna-Zeit hinterließen Spuren im Drama.
Zu den bekanntesten Vorlagen gehört die Büste der Nofretete, die heute im Ägyptischen Museum und der Papyrussammlung in Berlin aufbewahrt wird. Daneben bezog Christie weitere Kunstwerke ein: Dazu zählen Darstellungen aus dem Maru-Aton, Darstellungen der Kleinwüchsigen Para und Reneheh, die Rückenlehne des Thrones Tutanchamuns, der sogenannte Spaziergang im Garten sowie der Kopf der Königin Teje.



Auch Darstellungen aus dem Umfeld des Königspaares und Szenen aus den Gräbern von Amarna dienten ihr als Inspiration. Dazu gehört die Wiedergabe ausländischer Abgesandter und ihrer Gaben im Grab des Merire II.
Christie übertrug solche Bildmotive in die Welt ihres Theaterstücks. Dabei schrieb sie einzelnen Kunstwerken oder ihrer Entstehung teilweise eine Rolle zu, die sich nicht als historische Tatsache verstehen lässt. So wird in ihrer literarischen Darstellung Echnaton selbst mit der Schöpfung der Nofretete-Büste verbunden.
Hier zeigt sich die Freiheit der Autorin: Ein archäologisches Objekt kann zum Ausgangspunkt einer Szene, einer Charakterisierung oder einer erfundenen Zuschreibung werden. Die historische Vorlage bleibt erkennbar, erhält im Drama aber eine neue Funktion.
Wer Akhnaton liest, begegnet deshalb zwei Ebenen zugleich: der materiell überlieferten Welt des alten Ägypten und Christies eigener literarischer Interpretation dieser Welt.
Echnatons Sonnengesang und seine lange Wirkungsgeschichte
Der Große Sonnengesang an den Aton gehört zu den bekanntesten Texten aus der Zeit Echnatons. Er preist die lebensspendende Kraft der Sonne: Mit ihrem Aufgang erwacht die Welt, Menschen und Tiere werden aktiv, Pflanzen wachsen. Wenn die Sonne untergeht, kehrt Dunkelheit ein und das Leben verändert sich.
Der Hymnus wurde immer wieder mit anderen berühmten Texten verglichen – darunter Psalm 104 aus der Bibel und der Sonnengesang des Franz von Assisi. In allen drei Texten finden sich Bilder, die die Natur und das Leben in Beziehung zu einer göttlichen Macht setzen.
Ob zwischen diesen Texten tatsächlich eine direkte Verbindung besteht, ist eine andere Frage. Besonders die Parallelen zwischen dem Großen Aton-Hymnus und Psalm 104 werden in der Forschung diskutiert. Ähnliche Motive allein beweisen jedoch noch keine direkte literarische Abhängigkeit. Auch beim Sonnengesang des Franz von Assisi ist deshalb ein vorsichtiger Vergleich sinnvoll: Er zeigt, wie die Würdigung der Natur in sehr unterschiedlichen religiösen und historischen Zusammenhängen poetischen Ausdruck finden kann.
Dass Christie den Aton-Hymnus in Akhnaton aufgriff, verbindet ihr Drama mit einer langen Geschichte der Rezeption dieses außergewöhnlichen Textes. Für Christie war er zugleich eine historische Quelle und eine Möglichkeit, Echnatons religiöse Vorstellungen auf der Bühne hörbar zu machen.
Ägyptologische Unterstützung: Stephen Glanville und I. E. S. Edwards
Bei der Arbeit an Akhnaton konnte Christie auf Unterstützung aus der Ägyptologie zurückgreifen. So half Stephen Glanville ihr bei der Abfassung des Stücks. Max Mallowan schildert in seinen Memoiren, dass Glanville Christie mit ägyptischem und keilschriftlichem Material versorgte.
Ein weiterer wichtiger Kontakt war Iorwerth Eiddon Stephen Edwards, der als Ägyptologe am British Museum tätig war und an der großen Tutanchamun-Ausstellung in London mitwirkte. Den Ausstellungskatalog Treasures of Tutankhamun veröffentlichte er 1972.
Christie widmete Edwards die gedruckte Ausgabe von Akhnaton. Ein Brief vom 16. Mai 1973, der im Katalog Agatha Christie und der Orient abgedruckt ist, gibt einen Einblick in ihren fachlichen Austausch. Christie bedankt sich darin für Edwards’ Rückmeldung zum Stück und freut sich besonders über seine Zustimmung zu ihrer Darstellung Horemhebs. Zugleich schreibt sie, sie habe seine kritischen Anmerkungen in jedem Fall zur Kenntnis genommen und bedankt sich ausdrücklich dafür.

Christie bezeichnet Edwards in dem Brief als „our most distinguished living Egyptologist“ – als den angesehensten lebenden Ägyptologen. Die Korrespondenz zeigt, dass ihr die Einschätzung durch einen Fachwissenschaftler wichtig war. Akhnaton sollte zwar kein wissenschaftliches Werk sein, doch Christie suchte offenbar durchaus den Austausch mit der Ägyptologie und war bereit, sich mit fachlicher Kritik auseinanderzusetzen.
Warum erschien Akhnaton erst 1973?
Obwohl Christie das Stück bereits 1937 geschrieben hatte, wurde es erst 1973 veröffentlicht. Ein wichtiger Anlass war das erneute große öffentliche Interesse am alten Ägypten. 1972, fünfzig Jahre nach der Entdeckung des Grabes Tutanchamuns, zog die Ausstellung Treasures of Tutankhamun in London ein großes Publikum an und löste eine neue Welle der Begeisterung für das alte Ägypten aus.
Christie hielt diesen Zeitpunkt für günstig, um ihr lange unveröffentlichtes Drama herauszubringen. Das Interesse an der ägyptischen Geschichte war groß, und ein Theaterstück über einen Pharao, dessen religiöse und politische Ideen bis heute diskutiert werden, konnte auf ein aufgeschlossenes Publikum treffen.
Die Veröffentlichung machte ein Werk zugänglich, das deutlich von Christies bekannten Kriminalromanen abwich. Statt einer Mordermittlung stehen in Akhnaton religiöse Vorstellungen, Machtkonflikte und die Frage im Mittelpunkt, wie ein Herrscher seine Überzeugungen gegen Widerstände durchsetzen kann.
Zwischen historischer Quelle und literarischer Freiheit
Akhnaton ist ein besonders aufschlussreiches Beispiel für Agatha Christies Umgang mit der Vergangenheit. Ihre Recherche ging weit über die Nutzung einiger bekannter Namen oder exotischer Schauplätze hinaus. Sie beschäftigte sich mit religiösen Texten, königlichen Inschriften, diplomatischen Briefen und archäologischen Bildwerken. Mit Unterstützung von Ägyptologen machte sie dieses Material für ein historisches Drama nutzbar.
Gleichzeitig ist das Stück keine wissenschaftliche Rekonstruktion der Amarna-Zeit. Christie wählte aus, verdichtete, interpretierte und erfand. Historische Quellen wurden zu Dialogen, Kunstwerke zu erzählerischen Anregungen und historische Personen zu dramatischen Figuren.
Gerade diese Verbindung macht Akhnaton interessant: Das Stück zeigt nicht nur, wie eine berühmte Schriftstellerin das alte Ägypten wahrnahm, sondern auch, wie archäologische Funde und überlieferte Texte in der modernen Kultur weiterleben. Zwischen dem historischen Material und Christies Theaterstück liegt ein kreativer Prozess – und genau dieser Prozess lohnt einen genaueren Blick.
Du möchtest mehr über Agatha Christie und ihre Beschäftigung mit dem alten Ägypten erfahren? Auch in ihrem Roman Death Comes as the End spielten altägyptische Quellen eine wichtige Rolle. Die beiden Werke zeigen auf unterschiedliche Weise, wie Christie historische Überlieferung in Literatur verwandelte.
Quellen und weiterführende Informationen
- Waltraud Guglielmi, „Agatha Christie und die Aneignung altägyptischer Quellen, 2. Akhnaton. A Play in Three Acts“, in: Charlotte Trümpler (Hg.), Agatha Christie und der Orient. Kriminalistik und Archäologie, Essen 1999
- Agatha Christie: Akhnaton – Play. Offizielle Christie-Seite
- Akhnaton in der Wikipedia
- Akhnaton im Fandom-Wiki
- Roxane Bicker, „… und am Ende kommt der Tod – Agatha Christie und das Alte Ägypten“, MAAT 40 | 2026
